Virtual Reality ist vor allem …Marketing

posted März 11th, 2016 · by Padrigo · in Apps, Freizeit & Unterhaltung
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An Virtual Reality werden wir nicht vorbeikommen. Dieser Eindruck manifestierte sich, als heute Morgen VR-Cardboards am Bahnhof verteilt wurden – sponsored by einem einflussreichen Medienhaus und dem weltgrössten Handyhersteller. Dass uns etwas scheinbar bahnbrechend Tolles derart plump nachgeworfen werden muss, sollte skeptisch stimmen.

 

Noch etwas schläfrig am Arbeitsort Bern angekommen, steuerte ich heute Morgen erst einmal in Richtung einer Theke mit frischen Sandwiches, um dem nüchternen Magen etwas Energie für den Tag zuzuführen. Immerhin hatte ich die Sinne schon soweit beisammen, dass ich mich darüber wundern konnte, wie Leute morgens kurz nach 8 Uhr schon bei McDonald’s anstehen – wo doch bekannt sein sollte, was diese Ernährung im Körper anstellt. Nachdem ich mein Tomaten-Mozzarella-Sandwich erhalten habe („Nein, sie brauchen das in Papier gewickelte Sandwich nicht in eine weitere Tüte einzupacken.„), mich umdrehe und die Unterführung weiterlaufen will, springt ein freundlich dreinblickender Mann in mein Sichtfeld und hat mir bereits etwas in die noch freie Hand gedrückt. „Hä? Was? Ähm, ja merci…

 

Samplings dienen der Verkaufsförderung

Solche Jobs kenne ich ja von meiner Studentenzeit bestens. Um das stets knappe Budget aufzubessern, hatte ich über verschiedene Agenturen so ziemlich alles promotet: Kapselkaffee, Handcrème, Schokolade (als Nikolaus verkleidet), Waschmittel, Magazine, Duschgels, Grillkäse, Versicherungen, Kleidung und – besonders lukrativ als Student – Autos (am Salon in Genf, was als Mann easy, aber für Frauen teils eine Zumutung ist…) Anders als bei Degustationen oder wenn man Non-Food-Artikel erklären soll, waren „Samplings“ eine ziemlich simple Arbeit: Leute ansprechen, Muster und Botschaft mitgeben und möglichst einen freundlichen Eindruck hinterlassen. Die teils hundertfache Wiederholung dieses Schemas erforderte nun wirklich keinen Hochschulabschluss, aber der Stundenlohn war derselbe, wie wenn man an einem Stand in einem Kaufhaus Produkte erklären und vorführen musste. Das Ziel war auch identisch: Werbung für ein bestimmtes Produkt machen und den Absatz fördern.

 

Ist VR ein Bedürfnis?

Nun hatten offenbar auch ein in wenigen Minuten durchgeblättertes Gratisblatt und ein koreanischer Handy-Hersteller das Bedürfnis mittels Sampling etwas zu bewerben. Mir wurde ein Cardboard (> zum Produkttest von Alex) in die Hände gedruckt. (Bild unten) Im Büro angekommen denke ich mir erst „Cool, jetzt muss ich mir dieses Tool nicht mal mehr kaufen – und brauchen kann ich es ja auch für Anderes als das Anschauen der 360-Grad-Videos unter dem aufgedrucken Link.“ Wie meistens stelle ich mir gleich darauf die Frage, was die Intentionen hinter solchen nicht ganz günstigen Promotionsmassnahmen sind.

 

Cui bono?, Return on invest und so. Kennsch?

 

Nun, warum der Handy-Hersteller mitwirbt, wird mir schmerzhaft bewusst, wenn ich auf mein cooles, mehr als 3 Jahre altes, mehrfach mit Sekundenkleber geflicktes Smartphone blicke: Nur mit der neusten Technologie bringt mir die VR-Brille überhaupt etwas… Aber ein funktionierendes Handy auszutauschen gegen ein neues, teures Gerät ist a) ausserhalb meines derzeitigen Budgets und b) nicht eben ökologisch.

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Ein weiterer Grund für eine solche Promo liegt – sowohl für Handy-Hersteller wie Zeitung – darin, dass etwas Innovatives demonstriert werden kann. Das bestehende Angebot wird um eine weitere Komponente ergänzt. Im für die Marketing-Abteilung idealen Fall wird beim potenziellen Kunden ein neues Bedürfnis geweckt, zu dessen Befriedigung die Firma dann natürlich das passende Produkt bieten könnte. Also ganz nach dem AIDA-Schema aus dem Marketing-Basiskurs: Aufmerksamkeit erzeugen, Interesse wecken, Wunsch (Desire) erzeugen und schliesslich zur (Kauf-)Handlung (Action) bewegen.

 

In der Tat beeindrucken die 360-Grad-Videos – mit dem ziemlich neuen Handy des Bürokollegen konnte ich es testen. „Scho no cool…“ Dass beim Blick durch die VR-Brille so etwas wie Spass entsteht, kann unmöglich damit zu tun haben, dass man für Aussenstehende wirkt wie ein verwirrter, leicht debiler Blinder. Ich wage die Behauptung, dass das durchaus positive Gefühl beim Blick in den Mini-Kasten und beim Kopf-in-alle-Richtungen-Drehen deshalb entsteht, weil man ziemlich beeindruckt ist von der Technik einerseits und deren Umsetzung andererseits. „Wow, da steckt schon einiges dahinter.„, denken wir uns demütig.

 

Warum überhaupt Virtual Reality?

An dieser Stelle muss ein Punkt festgehalten werden: Wir überschätzen die Fähigkeiten der uns zur Verfügung stehenden Technik in hohem Masse. Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, ist es nämlich so, dass wir nur das machen, wofür ein Gadget oder eine App jeweils vorgesehen sind. Höchst selten tritt der Fall ein, dass wir dank der Technik in völlig neue Sphären vorstossen, um kreativen Genies Konkurrenz zu machen. GPS-Sender: Cool, aber die 10,91 km während dem Fussball-Match wäre ich auch ohne den gelaufen. WhatsApp: Suuuuuuperpraktisch, aber viel mehr als SMS, MMS und Skype effizient zu bündeln, tut die App auch nicht. Smartwatch: praktisch und modern, aber die Zeit lesen kann ich auch sonst; News und Nachrichten lesen bleibt über andere Kanäle weiterhin praktischer. Und so weiter.

 

Auf die Gefahr hin, mich bei der Gamer-Szene unbeliebt zu machen, wage ich die Behauptung, dass auch Virtual Reality eigentlich nur den Anbietern etwas bringt. Bis zur jeweils neusten Innovation hatte man auch bis hierhin schon viel Spass am gamen. Es besteht eher die Gefahr, dass man durch diese Innovation weiter im sogenannten hedonistischen Hamsterrad dreht (von dem ich in diesem klugen Buch gelesen habe) und dass dieses Gadget das Hobby verteuert, weil neue Geräte und Spiele dereinst nur noch dann vollumfänglich genossen werden können, wenn dazu die zur Zeit rund 700 Franken teure VR-Brille (>guckst du hier für Anbietervergleich) verwendet wird.

 

Let me get this straight: Innovationen sind wichtig! Ohne Rad, Feuer, Hammer und Beil, Kupferkabel, Magnete, usw. sässe unsere Spezies aus Furcht vor scharfzahnigen Vierbeinern in Höhlenecken gekauert. Der Beitrag von Virtual Reality zur Menschheitsgeschichte dürfte aber vor allem wirtschaftlicher Art sein: Viel Geld für einen Teil der IT-Branche, dessen Ziel die möglichst nahe, aber immer unzureichend bleibende Abbildung der Wirklichkeit bleibt. Denn warum mit einer Kopie der Realität begnügen, wenn die Realität schon überall um uns herum ist? Solange meine Sinne ihren Dienst tun, brauche ich kein teures Medium zwischen mich und meine Umwelt zu schalten. Schon gar nicht, wenn dafür viele Ressourcen verschwendet werden. Leider haben weder das Gratis-Blatt noch der Handy-Hersteller bisher meine Mail beantwortet, in der ich nachgefragt habe, wie viele der Cardboards insgesamt verteilt wurden. Aus Erfahrung weiss ich nämlich, dass bei Samplings viel einfach achtlos weggeworfen wird – und schon beim nächsten Abfalleimer nach dem freundlich lächelnden Promotoren sah ich VR-Brillen entsorgt. Festivals wie das Openair St. Gallen verbieten (eigentlich) das Verteilen von Mustern und Flyern, um Littering einzudämmen.

 

Meine VR-Brille landet auch im Altpapier (ohne die Plastiklinsen). Ich geh jetzt spazieren und treffe mich abends mit Freunden. Analog. Viel mehr Pixel und ganz natürliche Farben im Fall… Tschö mit Ö!

virtual reality

Padrigo

Website: http://konsumhelden.ch

5 Comments

  1. Andrin sagt:

    Die Brille wäre cool, wenn man sie im Kino anhaben könnte. Das wäre mal ein FIlmerlebnis!

  2. Fabian sagt:

    Virtual Reality könnte aber auch dazu beitragen, dass man EInblicke an Orte bekommt, die vorher nicht zugänglich waren. Seien es journalistische Formate zu gefährlichen Orte der Welt oder Kampagnen, die einen in Situation hineinversetzen, welche neue Perspektiven öffnen. Ich erinnere mich z.B. an das Video aus New York, worin eine Frau die Straße lang läuft und ständig angegraben wird. Oder die 360Grad-Kampagne von peta, um den Weg eines Schweins bis zur Schlachtung nachzuvollziehen.

    • Padrigo sagt:

      Hy Fabian.
      Okay, das klingt klar spannend, weil es gewisse Mehrwerte schafft. Allerdings fragt es sich, ob die wirklich BESSER sind als „Real Reality“. Oder ob der riesige Aufwand, der dafür betrieben werden muss, den sehr punktuellen Mehrwert rechtfertigt. Es ist doch ein bisschen wie beim Roboter-Bauen: Da werden Milliarden darin investiert, Roboter zu bauen, die möglichst ähnlich dem Menschen sind (es aber niemals sein werden) – dabei ist es ziemlich einfach, einen Menschen zu zeugen… 😉
      Es scheint fast so, als ob die Technik händerringend nach Berechtigung sucht, indem sie die Natur imitiert – und das Marketing dazu vergessen machen soll, dass die Natur alles bereits eingerichtet hat.

      • Fabian sagt:

        Hi Padrigo,

        da hast Du natürlich Recht, der Aufwand muss gerechtgertigt sein. Aber es gibt ja Orte an die man in Massen nicht hinkommen kann oder will, dann lohnt es sich. Auch beispielsweise für virtuelle Mietführungen oder Ausstellungen. Wenn man dann tatsächlich in Kontakt treten möchte kann man das vielleicht auch digital, aber erst die menschliche Nähe erzeugt genügend Resonanz.

        Gruß Fabian

        PS: Wir machen im Deutschen Oldenburg eine studentische Konferenz namens NachDenkstatt, da wird sich ein Workshop auch um Digitalisierung und Nachhaltigkeit drehen. Bin gespannt, was da die Leute zu VR/AR sagen.

  3. Besten Dank für Ihren praktischen Artikel.

    Ich bin bereits länger ein stiller Leser. Und heute musste
    mich mal zu Wort melden bzw. mich mal bedanken.

    Machen Sie genauso weiter, freue mich schon auf den nächsten Beitrag

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