Jugend, Schulden, Statistiken…

posted Mai 5th, 2015 · by Padrigo · in Finanzen & Recht

Jugendliche, die sich durch ihren ausufernden Lebensstil verschulden, bleiben ein beliebtes Medienthema. Mit Kopfschütteln wird in Kommentarspalten über die verkommene Jugend gewettert, welche nur noch den Luxus im Kopf habe und auf Pump lebe, da der bescheidene Lohn eigentlich eh nicht reichen würde – bis einen das Ganze irgendwann einholt. Aber ist es wirklich so schlimm?

 

Mit fetten Lettern berichtete gestern der „Blick“ über die auf Pump lebende „Generation Internet“, für welche scheinbar das Motto „prahlen, protzen, pleitegehen“ der typische Werdegang sein muss. Einmal ganz davon abgesehen, dass der Generationenbegriff mal wieder überstrapaziert wird, wird hier schlicht zu schroff pauschalisiert. Denn selbst die eigentlich eher für eine protektionistische Ader bekannte Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen EKKJ kam in ihrem letzten Bericht zu folgendem Schluss: „Verschuldung ist kein spezifisches Jugendthema“ (Seite 76) Tatsächlich relativieren die Zahlen so einiges: Aus der Studie SILC 2011 geht hervor, dass rund 9% der 18-29-Jährigen in einem Haushalt mit kritischen Kontoüberzügen und Zahlungsrückständen leben. Das ist aber nicht mehr als in der Altersgruppe der 30-49-Jährigen. (Siehe dazu auch diese News)

 

Komisch. Warum kommt die Studie der FHNW auf so völlig andere und deutlich schockierendere Zahlen? Der Blick übernimmt gerne den Wert von 38% der Jugendlichen, welche Schulden hätten. Das ist ja wirklich krass: Zwei von fünf Jugendlichen hätten Schulden am Hals, weil scheinbar die dritte Rolex doch zu viel war oder das 23. Paar Sneakers dann doch aufs Portemonnaie schlug oder das erste eigene Auto kein VW Golf II sondern ein VW Touareg sein musste. Es scheint ganz so, als ob die Botschaften aus einschlägigen Hip-Hop-Videos angekommen sei: Get rich or die tryin’… Das ist ein ziemlich ordinäres Bild von Luxus, wie das übrigens auch Dr. Martina Kühne in einem Aufsatz des Gottfried Duttweiler Institute schrieb. Aber aller Anfang ist schwer und was soll’s: Die Bankinstitute waren ja noch blöd genug, uns bedauernswerten working poor die Kohle dafür zu leihen. Ha, Idioten! Als ob die Jugendlichen von heute noch so viel Skrupel hätten, das auch wirklich bezahlen zu wollen. Warum auch, wenn man auf Pump leben kann?

 

Das ergibt natürlich eine schöne Story und bestätigt ein Bild, welches viele haben. Und da der Mensch seine einmal angefertigten Bilder gerne bestätigt sieht, werden solche Stories geglaubt. An diesem Punkt spielen wir gerne Spielverderber, denn: Wir haben uns die Mühe gemacht, die Studie der FHNW zu suchen und durchzulesen. Es dürfte den geneigten Leser nun nicht erstaunen, dass die Verfasser der Studie die pekuniäre Situation der Jugendlichen deutlich weniger schlimm zeichnen. Die allererste Einschränkung der Studie steckte ja bereits im Titel: „Eigenes Geld – Fremdes Geld. Jugendverschuldung in Basel-Stadt.“ Von städtischen Verhältnissen auf die gesamte Jugend schliessen zu wollen, ist ein typischer Induktionsfehler. Obwohl es sich um eine Repräsentativumfrage handeln soll, ist auch die Stichprobengrössen von 500 Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren nicht der Weisheit letzter Schluss. Was aber vor allem nicht weiter ausgeführt wird im „Blick“-Artikel: 30 der 38 Prozent kommen zustande, weil Jugendliche „informelle Geldschulden bei Familie oder Freunden“ (Bericht, S. 15) haben, was aber zur ‚normalen’ finanziellen Organisation von Minderjährigen gehöre. Vor allem wird aber in der Zusammenfassung festgehalten: „Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehen im Allgemeinen verantwortungsbewusst und kontrolliert mit Geld um. Insbesondere sozial benachteiligte Jugendliche zeigen hohe Anpassungsleistungen, um mit wenig Geld über die Runden zu kommen.“ (Bericht, S. 4) – In your face, Boulevard-Journalismus! Oder: Trau keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast…

Padrigo

Website: http://konsumhelden.ch

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