Produkttest: ActionCam für 36 $

posted Oktober 20th, 2015 · by Padrigo · in Finanzen & Recht, Freizeit & Unterhaltung, Sport
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„Ja ja, schon klar, sicher wieder nur ein Lockvogel-Angebot“, dachten wir uns, als wir eine ActionCam für nur 36 Dollar im Newsfeed einer Social Media-Plattform sahen. Aber aus Neugier wollten wir doch wissen, ob da nicht nur eine Hülle verkauft wird, sondern wirklich eine dieser praktischen Kameras. Also einfach mal bestellt und siehe da: Die Kamera ist eingetroffen. Im Test schneidet sie gar nicht mal soooo schlecht ab. Leider.

 

Kapitel 1: Onlineshop mit zweifelhaftem Ruf

Wer kennt es nicht? Man sucht online nach einem Produkt und findet dann dermassen sagenhaft günstige Angebote, dass ein kurzer Check rasch klar macht, dass das Produkt nicht das gewünschte ist, respektive eine gar billig gemachte Kopie davon und/oder der Verkäufer dermässen unseriös ist, dass mit 99,9%-iger Sicherheit damit gerechnet werden muss, dass das Geld zwar vom eigenen Konto abgezogen wird – dafür aber nichts im eigenen Briefkasten eintreffen wird.

 

Als wir eine „Action Camera Full HD 1080p“ für nur 36 Dollars (entspricht beim aktuellen Dollar-Kurs etwas weniger als 36 Franken) auf AliExpress entdeckt haben, dachten wir an genau solche Betrugsabsichten. Auf der anderen Seite vertickt dieser chinesische Online-Shopping-Gigant ständig derart günstig Replicas (um mal das pejorativer eingefärbte Wort „Fälschungen“ zu umgehen) und liefert auch wirklich. Als Neulinge bei AliExpress ist uns aber schon etwas mulmig zumute, als wir dort unsere Kreditkarten-Nummer eintippen müssen. Diese sensiblen Daten an völlig Unbekannte auf der anderen Seite des Globus zu schicken, kann ja ohne grosse Paranoia nicht als grundsätzlich sicher angesehen werden.

Produkttest ActionCam

 

Wir wollen es also mal wagen – wohlwissend, dass die Bestellung einer eigentlich viel zu günstigen ActionCam bei einem öfter in Verruf stehenden Anbieter nicht für den noch zu erfindenden Award zum „Konsument des Jahres“ reichen dürfte. Als nächstes war die Zustellmethode auszuwählen. Shipping via Singapur? Kostet keinen Aufpreis und Singapur gilt ja irgendwie vertrauenswürdig, oder? ähm, ja dann also.. Zwei, drei Klicks später folgt die Zahlbestätigung und das Warten beginnt. Produkttest ActionCam
Kapitel 2: Kein Markenname, aber ein klares Vorbild

Nach etwas mehr als 5 Wochen Transportzeit – also circa die angekündigte Zeitspanne – treffen die bestellten Artikel tatsächlich in Zentraleuropa ein. Auch vorbei am Zoll. Letzteres wäre die Instanz, der wir nicht hätten böse sein dürfen, hätte sie unser Paket abgefangen und konfisziert. Denn einmal ausgepackt, zeigt sich, dass hier die populäre GoPro eindeutig Pate beim Design stand. Kamera, Hüllen und Halterungen scheinen komplett im Lieferumfang vorhanden zu sein. Auch der Akku – oft genug ein fehlendes Teil bei Technik-Gadgets – ist in der Packung. Auf dieser Packung sucht man übrigens vergebens einen Herstellernamen (die ebenfalls nicht über alle Zweifel erhabene Verkäuferin, Lemfo Electronic Trading Company, ist es nämlich auch nicht). Es stehen ein paar übliche Daten drauf, die dem Ganzen zumindest einen handelsüblichen Look verpassen. Beim ersten Look & Feel fällt gleich auf wie leicht die Kamera wiegt und dass sie aufgrund der dünnen Plastik-Hülle nicht sonderlich stabil wirkt:

 

Kapitel 3: Simples Handling, simple Bildauflösung

Die Inbetriebnahme geschieht dank Akku mit Teilladung ohne Probleme. Ein kurzer Druck auf den Knopf neben der Linse genügt und nach einem leisen Jingle startet bereits der Bildschirm. Und dann zeigt sich – wie im Video unten ersichtlich – auch gleich, dass die Produzenten wirklich auf GoPro geschielt haben, als diese ActionCam konzipiert wurde. Das Logo kokettiert geradezu mit seiner Ähnlichkeit zum Branchenprimus. Man kann dieser Replica aber immerhin hoch anrechnen, dass sie ein verhältnismässig grosses Display hat (was bei den ersten GoPros nicht der Fall war).
Bevor das erste Foto oder Video im Kasten ist, muss eine zusätzlich anzuschaffende MicroSD-Karte eingeführt werden, damit das Bildmaterial auch abgespeichert werden kann. Wie lachhaft günstig die ActionCam ist, zeigte sich auch beim Kauf der Speicherkarte: Bei Fr. 39.95 für 64 GB Speicherplatz kann man sich nun wirklich nicht klagen – aber damit hat man mit dem Kauf einer nicht einmal 1 cm langen Karte bereits mehr ausgegeben als für die Kamera und den mitgelieferten Zubehör.

 

 

Mit der MicroSD-Kamera aus dem Handy kamen wir leider nicht weit: Aufnahmen blieben unmöglich, wir brachten das rote Lämpchen oben beim Auslöser-Knopf für Filmaufnahmen nicht zum Leuchten. Was das Problem war, konnte leider keine Bedienungsanleitung erklären – weil eine solche schlicht und einfach nicht mitgeliefert wurde…
Mit einer neuen, frisch formatierten MicroSD-Karte war es später aber kein Problem, die ActionCam zu bedienen. Das Handling ist simpel und versteht sich rasch von selbst. Überdies ist das Menü bescheiden klein. Mit einem kurzen Druck auf den Knopf auf der Vorderseite springt man vom <Kameramodus> zur <Galerie> oder zu den <Einstellungen>. In den Untermenüs dient sie dann als Return-Taste. An der rechten Seite sind zwei Knöpfe um hoch oder runter zu navigieren. Mit der Auslöser-Taste auf der Oberseite bestätigt man eine Wahl.
Fotos schiesst man mit einem Druck auf den unteren Knopf zur Seite. Beim ersten Test im Büro fällt gleich auf, dass der Fish-Eye-Effekt wirklich ins Extreme geht, wenn man nahe ans Sujet drangeht mit der Kamera. Aber wegen der Foto-Funktion kauft man sich auch nicht wirklich eine ActionCam. Uns interessierte natürlich, ob die Kamera gute Aufnahmen lieferte, wenn sie in Bewegung ist und durchgeschüttelt wird, z.B. bei der Fahrt auf dem Fahhrad:

 

Kapitel 4: Spiel mit der Legalität

Wirken die Aufnahmen oben wie Full HD? Bestimmt nicht! Da versprechen die Produktbeschreibung und die Verpackung mehr als tatsächlich geliefert wird. Wie auch bei den Fotos bleibt das Bild stets zu körnig. Wirklich schöne Aufnahmen mit realitätsnaher Farbaufnahme sind also von der Billig-ActionCam doch nicht zu erwarten. Auf der anderen Seite funktioniert das Ding tatsächlich und vor allem auch unkompliziert: Über das mitgelieferte Datenkabel mit dem Micro-USB-Stecker (wie bei sämtlichen Smartphones ausser bei Apple) ist die Kamera sofort mit dem eigenen Computer verbunden. Angezeigt wird die Verbindung, bei welcher auch gleichzeitig der Akku aufgeladen wird, durch die blaue Leuchte neben der Linse. Die Dateien lassen sich ohne weiteres runterziehen und weiterbearbeiten. Das macht die ActionCam für weniger Anspruchsvolle und/oder Einsteiger attraktiv.
Schliesslich bleibt das Fazit, dass eigentlich das Produkt geliefert wurde, welches man für einen solch unerhört günstigen Preis höchstens erwarten konnte. Hochwertige Aufnahmen kann man vergessen, aber wen wundert’s? Das Produkt beeindruckt in erster Linie durch den Dumping-Preis und es fragt sich natürlich, wie die ActionCam im Langzeit-Test abschliessen wird. Einen Garantieschein gab es natürlich nicht – ohnehin wissen wir ja nicht, wer denn diese ActionCam eigentlich hergestellt hat…

 

Deswegen bleiben trotz der leichten Freude über das Schnäpchen gewisse Bedenken: Wenn man solch offensichtliche Nachahmungen made in einer arbeitsrechtlich bedenklichen Firma in Fernost bestellt, werden Fälscher unterstützt. Selbst wenn man sich über hohe Margen bei Tech-Firmen ärgert und einen oft das Gefühl beschleicht, dass der Produktpreis vor allem das Marketing decken muss und weniger die real entstandenen Produktionskosten, darf nicht vergessen werden, dass über den meisten coolen Gadgets kluge Köpfe brüteten. Die Forschung und Entwicklung könnte ohne angemessene Preise ihren Dienst sofort einstellen, wenn die Produkte anschliessend nicht verkauft werden können. Markenschutz ist eigentlich (bei FIFA-Anlässen, wo alles lizenziert werden will, nicht zwingend) der Schutz von geistigem Eigentum, was erst grossen Aufwand lukrativ macht – und Konsumenten schliesslich coole Produkte ermöglicht.

 

Padrigo

Website: http://konsumhelden.ch

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